Politik und Familie
SPD-Parteivorsitzender Sigmar Gabriel wird bald Vater. Zeitlich wird sein erstes Jahr als Vater wohl ziemlich genau mit dem Bundestagswahlkampf im nächsten Jahr sowie – möglicherweise – seiner Kanzlerkandidatur zusammenfallen. Eine Gruppe von “PolitikerInnen, Politikinteressierten und FeministInnen”, darunter unter anderem die zweimalige Bundespräsidentschaftskandidatin Gesine Schwan, Anke Domscheit-Berg und Julia Schramm von der Piratenpartei hat diese Nachricht zum Anlass für eine Petition genommen. Sie fordern Gabriel auf, Stellung zu beziehen, zu Themen wie:
- “Wie stehen Sie zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie?”
- “Werden Sie sich für die Ermöglichung der Elternzeit für Abgeordnete einsetzen?”
- “Fühlen Sie sich der Doppelbelastung als Vater und Parteivorsitzender gewachsen?”
- “Trauen Sie sich als frisch gebackener Vater die Leitung des Bundestagswahlkampfes zu?”
- “Wie schnell werden Sie nach der Geburt Ihres Kindes wieder Ihren Beruf aufnehmen?”
- “Machen Sie sich Sorgen, dass Ihr Job Begehrlichkeiten weckt, wenn Sie die Berufsarbeit unterbrechen?”
- Die Befragung krönt in der Frage: “Kann ein junger Vater Kanzler werden?”
Für Melanie Mühl von der FAZ handelt es sich bei der Petition um eine “Grenzüberschreitung”, die auf einer ”naiven Gleichberechtigungsvorstellung” basiert und eine “absurde” Einmischung in die Familienplanung der Gabriels zur Folge hätte, die “man sich nicht einmal von der eigenen Verwandtschaft bieten lassen” würde. Weiterhin schreibt Mühl: “Jede einzelne Frage könnte man so oder so ähnlich übrigens auch den Verfasserinnen stellen.”
Natürlich kann man das, und genau darum geht es den Verfasserinnen des Aufrufes auch. Einer PolitikerIN würden alle diese Fragen gestellt werden. Ihre Mutterschaft würde im gesamten Wahlkampf thematisiert werden. Sie müsste sich andauernd mit der Vereinbarkeitsfrage auseinandersetzen. Sie müsste sich andauernd gegen Kreise verteidigen, in denen sie als Rabenmutter beschimpft würde, als Frau mit den “falschen” Prioritäten. Andersherum gilt es jedoch nicht ansatzweise für die Vaterschaft eines Politikers. Warum dieser Unterschied? Ist es nicht vorstellbar, dass eine Mutter sich genauso auf ihre(n) Freund(in)/Mann/Frau verlassen könnte, was die Kinderbetreuung betrifft, wie Sigmar Gabriel auf seine Lebensgefährtin? Wenn es vermutlich ein Thema für die Medien ist, dass eine Mutter aufgrund ihres politischen Wahlkampfes nur wenig Zeit für ihre Kinder hat, warum sollte dann die Vaterschaft von Sigmar Gabriel nicht mit den gleichen, moralisch fragwürdigen Kategorien thematisiert werden?
Genau letzteres ist eben noch nicht selbstverständlich. Die Petition hat deswegen nichts mit einer “naiver Gleichberechtigungsvorstellung” der Unterzeichner zu tun, sondern dient als klarer Hinweis auf die fortbestehende Diskriminierung von Müttern gegenüber Vätern in der Politik. Darauf aufmerksam zu machen, dafür gebührt den Petitionsunterzeichnern ein großes Lob.
Natürlich wäre es noch schöner, wenn dieser Aufruf nicht notwendig wäre. Das wäre dann der Fall, wenn die Mutterschaft von PolitikerINNEN im Wahlkampf genauso als selbstverständlich und privat betrachtet werden würde, wie die Vaterschaft von Politikern. An diesem Punkt sind wir aber leider noch lange nicht angekommen. Und solange das der Fall ist, sind solche Petitionen nicht nur absolut gerechtfertigt, sondern auch bitter notwendig. Das, liebe FAZ, hättet auch ihr kapieren können.
