Christian Rebhan

Ein Blog über Politik und Gesellschaft im Allgemeinen und über die Politik und Gesellschaft in Island, Grönland und den Färöer-Inseln im Speziellen

Politik und Familie

SPD-Partei­vor­sitzen­der Sigmar Gabriel wird bald Vater. Zeit­lich wird sein erstes Jahr als Vater wohl ziem­lich genau mit dem Bundes­tags­wahl­kampf im nächsten Jahr sowie – mögli­cher­weise – seiner Kanzler­kan­di­da­tur zusammen­fallen. Eine Gruppe von “Politi­kerInnen, Politik­interes­sierten und Femi­nistInnen”, darunter unter anderem die zwei­malige Bun­des­prä­si­dent­schafts­kandi­datin Gesine Schwan, Anke Domscheit-Berg und Julia Schramm von der Piraten­partei hat diese Nach­richt zum Anlass für eine Petition genommen. Sie fordern Gabriel auf, Stellung zu beziehen, zu Themen wie:

  • “Wie stehen Sie zur Verein­bar­keit von Beruf und Familie?”
  • “Werden Sie sich für die Ermög­lichung der Elternzeit für Abge­ordnete einsetzen?”
  • “Fühlen Sie sich der Doppel­belastung als Vater und Partei­vor­sitzender gewachsen?”
  • “Trauen Sie sich als frisch ge­backener Vater die Leitung des Bundes­tags­wahl­kampfes zu?”
  • “Wie schnell werden Sie nach der Geburt Ihres Kindes wieder Ihren Beruf aufnehmen?”
  • “Machen Sie sich Sorgen, dass Ihr Job Begehr­lich­keiten weckt, wenn Sie die Berufs­arbeit unter­brechen?”
  • Die Befragung krönt in der Frage: “Kann ein junger Vater Kanzler werden?”

Für Melanie Mühl von der FAZ handelt es sich bei der Petition um eine “Grenz­über­schrei­tung”, die auf einer ”naiven Gleich­berech­ti­gungs­vor­stellung” basiert und eine “absurde” Ein­mischung in die Familien­planung der Gabriels zur Folge hätte, die “man sich nicht einmal von der eigenen Verwandt­schaft bieten lassen” würde. Weiter­hin schreibt Mühl: “Jede einzelne Frage könnte man so oder so ähnlich übrigens auch den Ver­fasserinnen stellen.”

Natür­lich kann man das, und genau darum geht es den Ver­fasserinnen des Aufrufes auch. Einer PolitikerIN würden alle diese Fragen gestellt werden. Ihre Mutter­schaft würde im gesamten Wahl­kampf thematisiert werden. Sie müsste sich andauernd mit der Verein­barkeits­frage aus­einander­setzen. Sie müsste sich an­dauernd gegen Kreise verteidigen, in denen sie als Raben­mutter beschimpft würde, als Frau mit den “falschen” Priori­täten. Anders­herum gilt es jedoch nicht ansatz­weise für die Vater­schaft eines Politikers. Warum dieser Unter­schied? Ist es nicht vor­stell­bar, dass eine Mutter sich genauso auf ihre(n) Freund(in)/Mann/Frau ver­lassen könnte, was die Kinder­betreuung betrifft, wie Sigmar Gabriel auf seine Lebens­ge­fährtin? Wenn es vermutlich ein Thema für die Medien ist, dass eine Mutter aufgrund ihres poli­tischen Wahl­kampfes nur wenig Zeit für ihre Kinder hat, warum sollte dann die Vater­schaft von Sigmar Gabriel nicht mit den gleichen, moralisch frag­würdigen Kate­gorien themati­siert wer­den?

Genau letzteres ist eben noch nicht selbst­verständlich. Die Petition hat deswegen nichts mit einer “naiver Gleich­berechtigungs­vorstellung” der Unter­zeichner zu tun, sondern dient als klarer Hinweis auf die fort­bestehende Dis­krimi­nierung von Müttern gegenüber Vätern in der Politik. Darauf aufmerksam zu machen, dafür gebührt den Petitions­unter­zeichnern ein großes Lob.

Natür­lich wäre es noch schöner, wenn dieser Aufruf nicht notwendig wäre. Das wäre dann der Fall, wenn die Mutter­schaft von PolitikerINNEN im Wahl­kampf genauso als selbst­ver­ständ­lich und privat betrachtet werden würde, wie die Vater­schaft von Politikern. An diesem Punkt sind wir aber leider noch lange nicht an­ge­kommen. Und solange das der Fall ist, sind solche Peti­tionen nicht nur absolut gerecht­fertigt, sondern auch bitter notwendig. Das, liebe FAZ, hättet auch ihr kapieren können.

Fragen und Antworten zur Wahl des färöischen Parlaments (Løgting) 2011

TÓRSHAVN – Vor etwas mehr als zwei Wochen haben die Bewohner der Färöer-Inseln ihr Parlament, den Løgting, auf vier Jahre neu gewählt. Eine Wahl war bereits vorzeitig notwendig geworden, weil nach dem Ausstieg der Fólkaflokkurin aus der Regierung seit März 2011 nur noch eine ziemlich instabile Minderheitsregierung aus Sambandsflokkurin und Javnaðarflokkurin regierte, die von der Partei Tjóðveldi toleriert wurde. Im Folgenden ein paar interessante Hintergrundinformationen zum Wahlergebnis:

Ein historischer Sieg für die Sambandsflokkurin?
Ja, auch wenn geringer als prognostiziert. Der Sieg der Partei ist jedoch umso höher zu bewerten, da die Sambandsflokkurin bereits die vorherige Regierung anführte. Auf den Färöern haben normalerweise diejenigen Parteien, die vor der Wahl den Premierminister stellten, in fast allen der siebzehn Wahlen seit dem Autonomiestatut 1948 Federn lassen müssen. Noch nie hat die Partei, die den Premierminister stellt, bisher sowohl an Stimmen als auch an Sitzen zulegen können. Beides hat die Sambandsflokkurin nun geschafft. Außerdem ist die Wahl ein persönliches Erfolgserlebnis und ein großer Vertrauensbeweis für den alten und neuen Premierminister Kaj Leo Jóhannesen, der mit 1.979 Stimmen so viele Stimmen bei einer Parlamentswahl erhalten hat wie noch kein Färinger vor ihm.

Ein Rechtsruck in der färöischen Politik?
Ja. Die Parteien rechts von der Mitte haben die Wahl klar gewonnen, sowohl die bürgerlichen Unionisten, die Sambandsflokkurin, als auch die bürgerliche Loslösungspartei, die Fólkaflokkurin. Zudem ist mit Framsókn eine weitere bürgerliche Kraft ins färöische Parlament eingezogen. Auf der anderen Seite haben sowohl die sozialdemokratische Javnaðarflokkurin als auch die sozialistischen Republikaner von Tjóðveldi deutlich an Stimmen verloren. Das zeigt: In dieser Wahl hat ganz klar die Wirtschaft eine wichtigere Rolle gespielt als die Frage Loslösung oder Beibehalt der Union mit Dänemark. Dafür steht beispielhaft eines der wichtigsten Wahlkampfthemen, die Forderung der Fólkaflokkurin nach einem Einheitssteuersatz.

Wer bildet die neue Regierung?
Am 14.11.2011 hat der neue und alte Premierminister Kaj Leo Johannesen von der Sambandsflokkurin sein neues Kabinett und den Koalitionsvertrag vorgestellt. Die Sambandsflokkurin koaliert in einer bürgerlichen Regierung mit den bürgerlichen Loslösungsparteien Fólkaflokkurin und Sjálvstýrisflokkurin und der christlich-konservativen Loslösungspartei, Miðflokkurin. Es ist erst die vierte bürgerliche Regierung auf den Färöer-Inseln seit 1948 nach zwei bürgerlichen Regierungen in den 1950er Jahren und einer zu Beginn der 1980er Jahre.

Ein Sieg für die Unionsparteien oder Loslösungsparteien?
Weder noch, wenn man nur die bloßen Zahlen betrachtet. Die Sambandsflokkurin, die am stärksten für den Erhalt der Union mit Dänemark eintritt, ist der klare Gewinner der Wahl. Allerdings haben die Wähler mit der Fólkaflokkurin und der erstmals angetretenen Framsókn auch zwei Parteien gestärkt, die für eine stärkere Loslösung von Dänemark eintreten. Schaut man auf die Zahl der Abgeordneten der Parteien im Parlament, die für eine stärkere Loslösung von Dänemark eintreten, nämlich Fólkaflokkurin, Sjálvstýrisflokkurin, Tjóðveldi, Framsókn und Miðflokkurin, dann haben sie weiterhin eine klare Mehrheit von 19 Sitzen (vorher: 20) im Parlament gegenüber 14 (vorher: 13) Sitzen der Parteien, die für den Erhalt der Union mit Dänemark gemäß des derzeitigen Autonomiestatuts plädieren, nämlich Sambandsflokkurin und Javnaðarflokkurin. Allerdings hat in dieser Wahl – wie bereits oben erwähnt – die nationale Frage keine Rolle gespielt. Die neue bürgerliche Regierung aus Sambandsflokkurin, Fólkaflokkurin, Sjálvstýrisflokkurin und Miðflokkurin besteht zwar zu 75% aus Parteien, die für eine stärkere Loslösung von Dänemark plädieren. Davon findet sich aber kein einziges Wort im Koalitionsvertrag. Ganz im Gegenteil: Als eines seiner ersten Werke will die Regierung bei der dänischen Regierung um mehr finanzielle Unterstützung bitten. Außerdem findet sich der in Dänemark so umstrittene Entwurf eines färöischen Grundgesetzes nicht mehr im neuen Koalitionsvertrag. Beides ist umso interessanter, als 2001 sowohl Fólkaflokkurin als auch Sjálvstýrisflokkurin und Miðflokkurin in der “Unabhängigkeitskoalition” zusammen mit Tjóðveldi die dänische Unterstützung drastisch gesenkt haben. Alles ein Beweis für die führende Rolle der Sambandsflokkurin in dieser neuen Regierung.

Setzt sich der Absturz von Tjóðveldi fort?
Ja. Nach dem Schock der Folketingswahlen im vergangenen September 2011, bei denen Parteichef Høgni Hoydal den Wiedereinzug ins dänische Parlament knapp verpasste, verloren die Republikaner zwei Sitze und mehr als fünf Prozent der Stimmen. Zwei Erklärungen hierfür: Viele der Tjódveldi-Wähler von vor drei Jahren sind zur neugegründeten Fortschrittspartei (Framsókn) übergelaufen. Høgni Hoydal ist darüber hinaus überzeugt, dass die Unterstützung der Minderheitsregierung aus Sambandsflokkurin und Javnaðarflokkurin durch Tjóðveldi in den Monaten vor der Wahl von den Wählern nicht goutiert wurde.

“Rechtsruck” auf den Färöern

TÓRSHAVN – Bei den Parlamentswahlen auf den Färöer-Inseln sind vor etwas mehr als zwei Wochen am 29.10.2011 die bürgerlich-konservativen Parteien als Sieger hervorgegangen. Hier das endgültige Wahlergebnis:

Färöer Wahlergebnis 2011

Damit kommen die Parteien im neugewählten Parlament auf die folgende Anzahl von Sitzen und sind durch die folgenden Abgeordneten vertreten (geordnet nach Partei und Anzahl der erzielten Stimmen):

A. Fólkaflokkurin (8 Sitze): (1) Jacob Vestergaard (1.048), (2) Elsebeth Mercedis Gunnleygsdóttur (344), (3) Jógvan á Lakjuni (341), (4) Bjarni Djurholm (328), (5) Hanus Samró (304), (6) Rodmundur Nielsen (278, Nachrücker für Annika Olsen), (7) Joen Magnus Rasmussen (255, Nachrücker für Jákup Mikkelsen), (8) Brandur Sandoy (228, Nachrücker für Jørgen Niclasen)

B. Sambandsflokkurin (8 Sitze): (1) Bárður Nielsen (872), (2) Rósa Samuelsen (480), (3) Alfred Olsen (473), (4) Helgi Abrahamsen (404), (5) Edva Jacobsen (311), (6) Eivin Jacobsen (228, Nachrückerin für Kaj Leo Johannesen) (7) Reimund Langgaard (168, Nachrücker für Björn Kalsø), (8) Jóna Mortensen (161, Nachrückerin für Johan Dahl)

C. Javnaðarflokkurin (6 Sitze): (1) Aksel V. Johannesen (1.204), (2) Kristin Michelsen (393), (3) Gerhard Lognberg (344), (4) Rigmor Dam (271), (5) Henrik Old (265), (6) Eyðgunn Samuelsen (261)

D. Sjálvstýrisflokkurin (1 Sitz): (1) Jógvan Skorheim (245, Nachrücker für Kári P. Højgaard)

E. Tjóðveldi (6 Sitze): (1) Høgni Hoydal (1.054), (2) Kristina Háfoss (451), (3) Bjørt Samuelsen (365), (4) Gunnvør Balle (358), (5) Páll á Reynatúgvu (332), (6) Sirið Stenberg (319)

F. Framsókn (2 Sitze): (1) Poul Michelsen (581), (2) Janus Rein (250)

H. Miðflokkurin (2 Sitze): (1) Jenis av Rana (434), (2) Bill Justinussen (428)

 

Am 14.11.2011 bildete Kaj Leo Johannesen eine neue bürgerlich-konservative ABDH-Regierung aus Sambandsflokkurin (3 Ministerposten), Fólkaflokkurin (3 Ministerposten), Sjálvstýrisflokkurin (1 Ministerposten) und Miðflokkurin (1 Ministerposten). Die Regierung setzt sich wie folgt zusammen (in Klammern Parteizugehörigkeit, Anzahl der erzielten Stimmen in der Wahl und Ministerposten):

Kaj Leo Johannesen (Sambandsflokkurin, 1.979 – Premierminister)
Annika Olsen (Fólkaflokkurin, 1.344 – Vizepremierministerin und Sozialministerin)
Jørgen Niclasen (Fólkaflokkurin, 382 – Finanzminister)
Karsten Hansen (Miðflokkurin, 416 – Gesundheitsminister)
Bjørn Kalsø (Sambandsflokkurin, 704 – Bildungsminister)
Kári P. Højgaard (Sjálvstýrisflokkurin, 317 – Innenminister)
Jákup Mikkelsen (Fólkaflokkurin, 455 – Fischereiminister) [Anm.: Inzwischen ersetzt durch seinen Parteikollegen Jacob Vestergaard]
Johan Dahl (Sambandsflokkurin, 327 – Arbeitsminister)